Trucker Karl Schabhüser: 93 Jahre, 7 Mio. gefahrene Kilometer

Veröffentlicht am: 11.02.2020 | Autor: Lisa Diez-Holz | Kategorie(n): Menschen & Geschichten

Der 93-jährige Karl Schabhüser steht mit einem Schild mit der Botschaft „Everybody needs logistics” vor dem Transportbotschafter-Truck

Im Jahr 2019 macht Karl Albrecht Schabhüser etwas, das er sein ganzes Leben lang viele Male gemacht hat: Er verlängert seinen Lkw-Führerschein. Mit 93 Jahren. Schabhüser wird zu einer kleinen Berühmtheit. Im Truck der Transportbotschafter erzählt er seine Geschichte und auch, dass er seinen Traumberuf Berufskraftfahrer gar nicht selbst gewählt hat.

93-Jähriger im Transportbotschafter-Truck

Er hatte uns zu sich nach Hause eingeladen, aber als wir mit dem Freightliner vorfahren im heimischen Warendorf, steigt er doch ein. Denn neugierig, so sagt der 93-Jährige, das sei er immer gewesen. Und chic findet er ihn auch, den Truck der Transportbotschafter. Er selbst habe viele Lkw gefahren in seinem Leben – „solche, die was taugten und solche, die nichts taugten“. Der hier wäre aber nach seinem Geschmack gewesen.

Als Kind wollte Karl gerne Schlosser werden, aber der Krieg kam ihm dazwischen. Statt in die Lehre musste der 17-Jährige an die Front. Zwei Kriegsjahre und drei Jahre Gefangenschaft später, kam der junge Mann zurück nach Deutschland. Mit einem unbändigen Hunger nach Leben und Freiheit im Gepäck. Das war 1948. Karl war ein Kind seiner Zeit.

Das Land verändert sich und Schabbi fährt

Den Grundstein für seine Leidenschaft legt er 1951. Karl macht alle Führerscheine auf einmal: Auto, Motorrad, Lkw. Weil er keinen Beruf erlernt hatte und mit 25 Jahren zeitig Geld verdienen will, wird er schließlich Lkw-Fahrer. Damals ist die Berufskraftfahrerei noch kein Ausbildungsberuf. Jeder, der den Führerschein Klasse 2 hat, kann bei einer Spedition anheuern. Das kommt Schabhüser zugute.

Zunächst fährt Schabhüser von Warendorf in Nordrhein-Westfalen ins besetzte Berlin. Immer mit dabei: sein Reisepass. Denn Nachkriegsdeutschland ist geteilt. Wer Waren von NRW nach Berlin bringen will, muss mindestens eine Grenze überqueren. Für Schabhüser ist das Marienborn, wo er bei jeder Tour ein Transitvisum „zur zweimaligen Durchreise durch die Deutsche Demokratische Republik ohne Aufenthalt“ bekommt. Sein ganzer Reisepass ist voll davon.

Als Deutschland die Wiedervereinigung feiert, fährt Schabhüser – mittlerweile 63 Jahre alt –mit einem Scania-Lkw Holz durch Deutschland. Er holt es in Bremen vom Schiff ab und transportiert es zu einem Sägewerk nach Einen, 30 km östlich von Münster. Hin und zurück, immer wieder die gleiche Tour. Am Ende seines Berufslebens werden es insgesamt 7 Millionen Kilometer sein. Damit hätte Schabhüser 175 Mal den Äquator umrunden können.

Rente kann Lkw-Fahrer nicht aufhalten

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts wird es ruhig – in der Politik und beim fahrenden Schabhüser. Er geht in Rente. Doch im Ruhestand hält er es nicht lange aus, er verkommt eher zur verlängerten Ruhezeit – gefolgt vom nächsten großen Abenteuer.

Ein befreundeter Spediteur spricht den rüstigen Rentner an, ob er nicht Lust habe, zu fahren. Also steigt „Schabbi“ wieder ein und fährt zunächst als Beifahrer von Frechen nach Jülich, wo sie Melasse laden. „Das war bequem, da hatte man mit dem Beladen nichts zu tun. Das wurde angeschlossen und dann floss die schwarze Suppe in den Tank, fertig“, erinnert sich Schabhüser. 14 Tage lang fährt er mit seinem Companion in einem Magirus-Deutz drei Touren täglich. Immer „zu einem großen Werk, was die da machten, mag der Teufel wissen.“

Danach geht es alleine kreuz und quer durch Europa. „Ein bisschen Französisch konnte ich ja noch und überall, wo ich hinkam, hieß es „Schabbi“. Die kannten mich alle.“ Schabhüser lehnt sich in den Sitz des Transportbotschafter-Trucks und hält einen Moment inne. Die Erinnerungen rufen ihm ein Lächeln auf die Lippen. „Aber jetzt zu meinem Saxophon“, sagt Schabhüser und beugt sich vor zu seinem noch verpackten Instrument. „Das ist mein Ein und Alles“, sein ganz großes Hobby. Dabei hat er erst vor wenigen Jahren gelernt, Noten zu lesen. Langsam beschleicht uns das Gefühl, dass diesen Mann nichts aufhalten kann. Ein Eindruck, den er mit einem spontanen Privatkonzert im Fahrerhaus unseres Trucks untermalt.

Leidenschaft des Lkw-Fahrens weitergegeben

Mittlerweile ist es längst nicht mehr nur Schabbi, der dem Lkw-Fahren verfallen ist. Auch seine Tochter aus zweiter Ehe ist im Speditionsgeschäft. Kein Wunder:  Als 14-Jährige setzt sie der Vater hinters Steuer und lässt sie „die 100 oder 200 Meter vorfahren, während ich zu Fuß die Papiere holen ging“. Mit 21 Jahren macht Tochter Janine ihren Führerschein und fährt anschließend zwei Jahre mit ihrem Vater durch Europa.

Wenn sie am Steuer war, konnte er sich beruhigt hinlegen, sagt Schabhüser heute. Sein wichtigster Tipp an die Tochter: „Sobald Du müde wirst, fährst Du raus. Sofort. Und wenn die Parkplätze voll sind, scheißegal, dann fahr einfach auf die Pkw-Parkplätze.“ Für ihn hat das funktioniert, er hatte nur einmal einen Unfall während seines knapp 70 Jahre währenden Berufslebens als Lkw-Fahrer. Damals sollte er mit seinem Krupp Stumpfschnauzer Eier nach Berlin bringen. „Das Ding konnte 100 km/h fahren, sogar bis 110 habe ich ihn hochgejagt auf der Autobahn“, erzählt Schabhüser freudestrahlend. Dem Transport nach Berlin bekam die rasante Fahrt nicht, bei einem Ausweichmanöver brach der Koffer aus und Schabhüser hatte „nur noch Rühreier auf der Straße“. Noch heute kann sich Schabhüser ein Glucksen nicht verkneifen.

Die Erinnerungen an seine vielen Touren bringen Schabhüser ins Schwärmen. Zwar hat er noch immer den Lkw-Führerschein, aber es hat sich so etwas wie ein Rentendasein eingeschlichen. Schon mit 86 Jahren ist Schabbi kürzergetreten und hat sich aus dem Fernverkehr zurückgezogen. Heute fährt er nur noch im Dienste seiner Tochter. Als Springer, wenn von den Jüngeren mal jemand ausfällt. Bis 98 kann er noch, so lange gilt sein neuester Führerschein. „Und wenn ich so fit bin wie heute, dann mache ich ihn nochmal“, verkündet er. Wir wünschen es Dir, Schabbi.