Modellbau als Therapie: Die Geburt des Mini-Transportbotschafter-Trucks

Veröffentlicht am: 21.08.2020 | Autor: Die Transportbotschafter | Kategorie(n): Menschen & Geschichten

Der an MS erkrankte Modellbauer Heiko Martin.

Stück für Stück nimmt der kleine Freightliner Cascadia Form an. Er erhält Rücklichter, Kabel, Elektronik. Alles ist mühevolle Kleinarbeit, denn der Truck, den Heiko Martin baut, entsteht in einem Maßstab von 1 : 14,5. Als Vorlage dient ihm der Transportbotschafter-Truck – in all seinen Details. Nur farblich werden sich die Fahrzeuge einst unterscheiden. Und natürlich in ihrer Größe.

Der Freightliner ist Martins aktuellstes Projekt in einer beeindruckenden Serie. Ein Windrad, einen Geländewagen und einen Actros hat er zuletzt erschaffen. Sie alle haben ihn monatelang nahezu jeden Tag beschäftigt. Denn der Modellbau ist für Martin viel mehr als ein Hobby. Es ist seine Therapie gegen die unaufhaltsam eintretende Unbeweglichkeit seiner Muskulatur. Martin hat Multiple Sklerose, kurz MS, und der Modellbau ist sein ganz eigener Therapieansatz.

Ein Leben mit Multiple Sklerose

MS ist eine Nervenkrankheit, die Martin schon seit fast 22 Jahren begleitet. Sie verläuft schubförmig, sie nimmt den Betroffenen die Kraft oder die Sehfähigkeit oder alles auf einmal. „Es ist aber nicht so, dass MS zwangsläufig zum Rollstuhl führt“, erklärt Martin. Bei ihm sei es zwar so gekommen, aber die Krankheit kennt keinen starren Verlauf. Sie ist wandelbar, tritt mal heftig zu Tage und zieht sich dann wieder in die Unscheinbarkeit zurück.

Bei Martin ist sie wenig zurückhaltend, er kämpft mit Muskelschmerzen, Sehstörungen und Kraftlosigkeit. Gegen all diese Symptome gibt es Medikamente, normalerweise erhält Martin große Mengen an Kortison und Oxycodon, aber Corona hat ihm diese Linderung genommen. Wegen des ohnehin geschwächten Immunsystems ist ein Krankenhausbesuch derzeit zu riskant, eine ambulante Versorgung ist jedoch ebenso unmöglich. Denn zum schwachen Immunsystem kommt die Gefahr einer Infektion an der Injektionsnadel. Für Martin bedeutet das den kompletten Rückzug – in seine Wohnung, in seine Ergotherapie.

Modellbau als Therapie

„Um meine Feinmotorik und Koordination so lange wie möglich beizubehalten, betreibe ich Modellbau“, erklärt Martin. Das geht nicht jeden Tag gleich gut, aber seine Leidenschaft für das Basteln und seine Ausdauer haben ihn bisher immer ans Ziel gebracht. Bereits seinen frühen Modellen aus Streichhölzern sieht man an, dass sie mit viel Liebe zum Detail und Einfallsreichtum erschaffen wurden. Denn wer Modellbau betreibt, muss nicht nur kreativ, sondern manchmal auch erfinderisch sein. Da muss die Kaffeetasse schonmal herhalten, um den ABS-Kunststoff in die richtige Form zu bringen.

 

Seit Martin auf RC (remote control) Modelle umgestiegen ist, kann er sein Tüftler-Gen sogar noch mehr herausfordern. Für sein Windkraftrad baute er den Motor eines ausgemusterten Videorekorders aus, für den Actros mussten elektrische Zahnbürsten dran glauben. Alte Teile neu zu verwerten, man würde das neudeutsch Upcycling nennen, macht ihm Freude. Zudem hat er keinen Zeitdruck. Denn die Krankheit gibt den Takt in seinem Tagesablauf an und wirft seine Pläne nicht selten komplett über den Haufen. Dann beginnt Martin an einem neuen Tag von vorne – auch eine Eigenschaft, die ihm im Leben wie im Modellbau weiterhilft.

Verfolgt die Entwicklung des Mini-Transportbotschafter-Trucks auf unserem Facebook-Kanal.

Modellbau und Original Transportbotschafter-Truck