Mit Fahrsicherheitstrainings gegen die gelernte Sorglosigkeit

Veröffentlicht am: 26.08.2021 | Autor: Die Transportbotschafter | Kategorie(n): Sicherheit

Ein Lkw weicht einer Wasserfontäne aus.

Wer mit einem Nutzfahrzeug unterwegs ist, trägt eine große Verantwortung. Fahrsicherheitstrainings können dazu beitragen, das Fahrverhalten in Notsituationen zu trainieren und die Möglichkeiten und Grenzen des eigenen Fahrzeugs (noch) besser kennenzulernen.
Wir haben mit Thomas Eilers, Cheftrainer im ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich, über die Inhalte und Vorteile von Fahrsicherheitstrainings gesprochen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, dass Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer an einem Fahrsicherheitstraining teilnehmen?

Thomas Eilers:
Lkw-Fahrer sind zwar sehr erfahren, was die Verkehrsbeobachtung angeht, aber der normale Alltag beinhaltet nicht das Trainieren von Gefahrensituationen. Wir möchten, dass sie aber genau das im Schonraum eines Fahrsicherheitszentrums einen ganzen Tag konzentriert machen können. Hierbei sollen sie erkennen, was sie realistisch in einer Notsituation noch retten oder leisten können. Diese realistische Einschätzung ist das oberste Ziel des Trainings. Damit ist die erste Voraussetzung geschaffen, um künftig potenzielle Gefahrensituationen vielleicht sogar zu vermeiden oder zu entschärfen.
Zudem sollen die Fahrer auch up to date bleiben. Während unserer Trainings bekommen sie mit, was sich in der Straßenverkehrsordnung verändert hat, welche Fahrassistenzsysteme in ihren Fahrzeugen verbaut sind und wie sie diese zu ihrem Vorteil nutzen können. Aber natürlich müssen auch die Grenzen solcher Assistenzsysteme klar sein. Niemand sollte sich auf etwas verlassen, was das System gar nicht kann oder wofür es nicht entwickelt wurde. Hier möchten wir aufklären und lassen die Teilnehmenden das im Idealfall auch fahrpraktisch ausprobieren.

Ist ein Fahrtraining aufgrund wachsender Anforderungen an Berufskraftfahrer heutzutage vielleicht sogar noch wichtiger?

Thomas Eilers:
Ich glaube schon. Die Anforderungen an die Berufskraftfahrer werden allein durch die Verkehrsdichte immer höher. Zudem ist auch der Zeitdruck in der Branche enorm. Das alles kann den Fahrern zusetzen, deswegen sollten sie das grundlegende Handwerkszeug für eine Notsituation kennen. Dinge, die ein Fahrer noch nie ausprobiert hat, werden höchstwahrscheinlich nicht im ersten Versuch gelingen.

In Ihren Trainings können also auch erfahrene Fahrer noch etwas lernen?

Thomas Eilers:
Auf jeden Fall! Diese Routine, die sich irgendwann einstellt, ist ja nur bedingt förderlich. Wir sprechen da von der gelernten Sorglosigkeit. Wenn ich schlecht fahre, mir aber nie etwas passiert, dann muss ich mir ja keine Gedanken machen. Aber keiner hat die Garantie, unfallfrei durch das Leben zu kommen. Deshalb ist das Training für erfahrene Lkw-Fahrer mindestens genauso wichtig. Sie ziehen sich vielleicht nur andere Dinge aus dem Training heraus als die Neulinge.

Die Fahrsicherheit gehört zu den Modulen der Berufskraftfahrer-Qualifikation. Wie unterscheiden sich ihre Trainings von anderen Modulkursen und was spricht aus ihrer Sicht dafür, auf Fahrpraxis zu setzen?

Thomas Eilers:
Es ist legitim, dass die Berufskraftfahrer-Module als Theorieunterricht abgehalten werden können, aber der Wert ist sicher ein anderer. Wir sind fest davon überzeugt, dass ein fahrpraktischer Tag und das selbst Erlernen und Erleben um ein Vielfaches wertvoller sind. Es bringt nichts, eine Stresssituation zu theoretisieren. Ich muss es selbst erleben und muss es auch motorisch lernen. Diese Motorik im Lkw: ein hartes Bremsmanöver mit viel Kraft auf dem Pedal, parallel aber ein ruhiges Lenken mit zielgerichteter Blickführung. Das kann ich Menschen 30-mal erzählen, sie werden es nicht einmal hinkriegen. Aber sie bekommen es hin, wenn sie es trainiert haben. Deshalb wollen wir versuchen, mit vielen Trainingsdurchgängen ein bisschen Routine zu schaffen und die Fahrsicherheit und -kompetenz der Teilnehmenden zu erhöhen.

Wie genau ist denn so ein Training bei Ihnen aufgebaut?

Thomas Eilers:
Unser Fahrsicherheitstraining besteht zu 90% aus Fahrpraxis. Nach kurzen theoretischen Einweisungen geht es direkt in die fahrpraktischen Elemente. Hier fangen wir mit dem einfachsten an, nämlich einer Notbremsung auf gerader, griffiger Strecke. Im späteren Verlauf wird die Notbremsung dann aber in die Kurve gelegt und die Fahrbahn wird nass oder glatt gemacht. Als nächstes werfen wir einen Blick auf die Frage: Was mache ich, wenn die Notbremsung bzw. der Bremsweg nicht ausreicht? Hier kommen dann Hindernisse und Ausweichmanöver ins Spiel. Das ist schon sehr anspruchsvoll für die Fahrer und die Fahrzeuge, weil mehrere Dinge gleichzeitig abgerufen werden müssen.
Der nächste Schwerpunkt des Trainings ist die Instabilität in einer Kurve. Das Schöne ist, dass wir durch die verschiedenen Elemente unseres Geländes wie Gleitflächen oder Bergauf-Bergab-Module Grenzbereiche fahrpraktisch erleben können. Durch die Streckengegebenheiten können wir so Geschwindigkeiten simulieren, ohne dass wir sie tatsächlich fahren müssen. Ebenso können wir Witterungsverhältnisse simulieren. Zwischen den fahrpraktischen Elementen gibt es natürlich immer wieder Hintergrundwissen, beispielsweise zur Fahrphysik oder Fahrzeugtechnik. Und auch die Teilnehmenden haben Fragen oder äußern Probleme, auf die wir während des Trainings eingehen. So haben wir die Möglichkeit, ein anspruchsvolles Training auf die Beine zu stellen.

Einblicke in die verschiedenen Übungen des Trainings gibt dieses Video:

Gibt es ein Aha-Erlebnis, das häufig vorkommt?

Thomas Eilers:
Das häufigste Aha-Erlebnis ist tatsächlich, die Überraschung darüber, wie viel drei bis fünf Kilometer pro Stunde mehr oder weniger in einer kritischen Situation ausmachen. Das merken wir vor allem bei den Übungen in der Kurve. Bei einer Kurve, die ich mit 33 Kilometern pro Stunde hervorragend fahren kann, kommt mein Fahrzeug bei 36 Kilometern pro Stunde schon ins Rutschen und ist kaum noch zu kontrollieren. Das lässt sich aber auch auf gerader Strecke demonstrieren, wenn mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten eine Notbremsung eingeleitet wird. Der Bremsweg wächst proportional zum Quadrat der Geschwindigkeit. Das unterschätzen viele.

Ist in einer Notsituation auch die Sitzposition entscheidend?

Thomas Eilers:
Absolut. Das ganze Thema „Arbeitsplatz Lkw“ spielt eine Rolle. Im Lkw können eine Menge Dinge eingestellt werden, die sich nicht nur positiv auf die körperliche Gesundheit auswirken, sondern auch bei einem Crash über Leben und Tod entscheiden können. In dieser Situation ist es wichtig, wie weit der Fahrer vom Airbag weg sitzt, ob er den Sicherheitsgurt angelegt hat und wie er seine Hände am Lenkrad hält. Macht man das falsch, können Knochen brechen und Gelenke kaputtgehen.
All das muss man transparent machen, weil der normale Autofahrer oder Berufskraftfahrer über so etwas unter Umständen gar nicht nachdenkt.

Welches Feedback erhalten Sie nach den Trainings?

Thomas Eilers:
Oft hören wir: „Das hätte ich nicht gedacht!“. Den Fahrern wird durch das Training erst bewusst, welche drastischen Auswirkungen das ein oder andere Fahrverhalten tatsächlich hat. Viele sagen auch, dass sie noch etwas dazugelernt haben, gerade weil die Fahrzeugtechnik enorm schnell voranschreitet, aber viele auf einem gewissen Wissensstand stehen bleiben. Dadurch ist so ein Trainingstag sehr wertvoll, da auch die routinierten Fahrer noch etwas mitnehmen und die gelernte Sorglosigkeit ablegen.

Über Thomas Eilers und das ADAC Fahrsicherheitszentrum in Grevenbroich

 Thomas Eilers, Cheftrainer ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich. Foto: ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich

Thomas Eilers ist seit 2006 Cheftrainer im ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich. Hier verantwortet er die Programmpflege und übernimmt die Trainerplanung sowie die Ausbildung der Nachwuchstrainer und – trainerinnen.
Das ADAC Fahrsicherheitszentrum Grevenbroich bietet 72 unterschiedliche Trainings in verschiedenen Fahrzeugsparten wie Motorrad, Pkw, Lkw sowie Wohnmobil an. Jährlich finden allein in der Sparte der Nutzfahrzeuge 60 bis 70 Trainings statt. Weitere Informationen unter https://www.fsz-grevenbroich.de.