E-Highway: Wenn die Autobahn zur Stromtankstelle wird

Veröffentlicht am: 14.05.2020 | Autor: Die Transportbotschafter | Kategorie(n): Nachhaltigkeit

Symbolbild: Ein Oberleitungs-Lkw fährt auf einer Autobahn.

Eine Straßenbahn auf der A5? Das Bild ist in der Tat ungewöhnlich: Oberleitungen, wie wir sie aus unseren Städten kennen, strecken sich auf der achtspurigen Autobahn zwischen Langen/Mörfelden und Weiterstadt kilometerlang über die rechte Fahrspur. Doch Schienen fehlen. Und eine Tram ist auch nicht in Sicht. Also doch eine Fata Morgana? Nein, Deutschlands erster E-Highway. Das ist eine Versuchsstrecke für Lkw, die unter Alltagsbedingungen mit Strom fahren, den sie während der Fahrt über einen Stromabnehmer aus 600-Volt-Leitungen zapfen.

E-Highway: Pilotprojekte in Deutschland

Seit Mai 2019 läuft das Pilotprojekt „Elisa – Elektrifizierter, innovativer Schwerverkehr auf Autobahnen“ mit Oberleitungs-Hybrid-Lkw, kurz OH-Lkw, der Marke Scania. Dafür wurde ein fünf Kilometer langes Teilstück der A5 nahe Frankfurt am Main in beiden Fahrtrichtungen umgerüstet. Projektpartner des Versuchs sind die TU Darmstadt, Siemens, der Energieversorger Entega sowie verschiedene Logistikunternehmen aus der Region. Derzeit fahren die Speditionen Schanz und Ludwig-Meyer je einen Test-Lkw über den E-Highway. Bis Mitte 2020 sollen insgesamt fünf OH-Lkw auf der Strecke unterwegs sein. Allein in die Versuchsstrecke hat das Bundesumweltministerium 14,6 Millionen Euro investiert.

Ende Januar 2020 ist auch auf der A1 auf rund fünf Kilometern ein Pilotprojekt gestartet. Zwischen Reinfeld und dem Kreuz Lübeck in Schleswig-Holstein wurde ein weiterer Autobahnabschnitt für den Probebetrieb geöffnet. Hier pendelt der erste von fünf Oberleitungs-Lkw der Spedition Bode vier- bis sechsmal täglich zum Lübecker Hafen und zurück. Beteiligt am E-Highway sind Siemens sowie das Forschungs- und Entwicklungszentrum Fachhochschule Kiel. Für beide Abschnitte wurde jeweils in beiden Fahrtrichtungen der rechte Fahrstreifen in 5,5 Meter Höhe mit Oberleitungen versehen. Das Projekt nennt sich „FESH – Feldversuch eHighway auf der BAB A1 in Schleswig-Holstein„.

Eine dritte Teststrecke ist in Baden-Württemberg auf der B462 im Murgtal bei Rastatt geplant. Mit dem Projekt „eWayBW“ soll später auch die Tauglichkeit für Ortsdurchfahrten geprobt werden. Die Tests, die bis 2022 laufen, sollen zweierlei zeigen: Erstens wie zuverlässig die Fahrzeug- und Infrastruktursysteme im Realbetrieb funktionieren. Und zweitens ob es sich als sinnvoll erweist, langfristig die deutschen Straßen oder Teile davon zu elektrifizieren. Sinnvoll wäre die Investition etwa, wenn die Spediteure damit die CO2-Emissionen wesentlich reduzieren könnten. Doch ist dieses Konzept tatsächlich ein sinnvoller Weg, vom Diesel wegzukommen und CO2-neutrale Lkw-Transporte zu realisieren?

Scania R 450 Hybrid im Testeinsatz

Für die Erprobung werden nach und nach insgesamt 15 Lkw des Typs Scania R 450 Hybrid eingesetzt. Die Trucks nutzen auf den Teststrecken Ökostrom aus erneuerbaren Energien wie Solar und Wind, den sie direkt aus der Oberleitung beziehen. Sowohl die Oberleitungen als auch die Stromabnehmer auf dem Lkw-Dach hat Siemens entwickelt. Für den weiteren Weg ohne Oberleitung werden die Fahrzeuge entweder batterieelektrisch oder von einem Dieselmotor angetrieben. Scania wartet und verbessert die Fahrzeuge während des Feldversuchs. Sämtliche Testdaten werden über eine Blackbox im Lkw gesammelt.

Pantograf garantiert Laden während der Fahrt

Bei den ersten Testfahrzeugen musste der Lkw-Fahrer den Stromabnehmer noch selbst aktivieren. Dann erkannte das Fahrzeug über Sensoren die Oberleitungen und fuhr den sogenannten Pantografen per Knopfdruck aus. „Bei unserem nächsten Testfahrzeug wird er über einen GPS-Korridor gesteuert und automatisch angedockt“, berichtet Kai Bode, Geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Spedition. Während der Lkw mit der Oberleitung verbunden ist, fährt er mit Hilfe seines Elektromotors und lädt zugleich seine Batterie auf.

Sobald er die Teststrecke verlässt, kann er mit der in der Batterie gespeicherten Energie weiterfahren. „Der zweite Scania R 450 Hybrid soll schon 40 bis 50 Kilometer batterieelektrisch fahren können“, sagt der Spediteur. Ist die Batterie leer, springt der Dieselmotor ein. Weiterfahren ist also immer möglich. Setzt der Fahrer den Blinker, weil er zum Beispiel überholen möchte, fährt der Pantograf automatisch ein, löst sich vom Strom und springt auf Batterie- oder Dieselantrieb um.

Die Technik ist altbekannt. Sie wird im Bahnbetrieb schon seit Ende des 19. Jahrhunderts genutzt. Die Züge werden allerdings nicht nur durch die Oberleitungen, sondern auch durch Stromschienen mit Energie versorgt. So hat es die Deutsche Bahn bis heute auf 55 % Elektrifizierung gebracht.

Erste Reaktionen auf den E-Highway

Die ersten Reaktionen zum Feldversuch waren nicht gerade positiv. Es würden Steuermittel verschwendet und die Landschaft verschandelt werden, war vielerorts zu hören. Die Allianz pro Schiene etwa moniert, dass der Betrieb mit Oberleitungs-Lkw mit hohen Kosten verbunden sei und die CO2-Bilanz mit dem derzeit geringen Anteil erneuerbarer Energien im Strom-Mix ähnlich wie beim Diesel-Antrieb ausfalle. Zudem erhöht die Doppel-Motorisierung und Ausstattung mit Stromabnehmern das Gewicht des Fahrzeugs, so der Einwand. Nutzlast gehe verloren und die Anschaffung werde teurer.

Spediteur Bode versteht die Reaktionen nicht: „Wenn wir nicht mal mehr einen Feldversuch auf die Reihe kriegen, machen die Chinesen bald alles. Wir müssen auch mal was Neues ausprobieren“, sagt er. Die Mitbürger seien zwar aus seiner Sicht nicht ausreichend informiert worden. Dennoch ist er guter Dinge: „Wir können zwar nach so kurzer Zeit noch nicht viel sagen, aber bis jetzt läuft alles problemlos“, fügt er hinzu. Detaillierte Erkenntnisse zu technischen Aspekten des Betriebs werden Scania und die beteiligten Forschungsinstitute erst veröffentlichen, wenn eine ausreichende Datengrundlage vorhanden ist, um belastbare Aussagen tätigen zu können.

Allerdings zweifeln auch einige Nutzfahrzeughersteller an dem Erfolg des E-Highway-Konzepts: So hat sich Daimler Trucks auf Anfrage von Zeit Online kritisch geäußert. Man arbeite derzeit als Hersteller an Zukunftslösungen, die weltweit eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Umsetzung, äußerte der Konzern auf Nachfrage. Daimler glaubt nicht dran. Die Investitionen wären viel zu hoch. Der Konzern setzt eher auf Batterie- und Brennstoffzellen-elektrische Technologien.

Schweden testet mit E-Road Arlanda Schienensystem für E-Fahrzeuge

Schweden hat bereits 2016 ein Teilstück der Autobahn in der Nähe der Stadt Gävle mit Oberleitungen elektrifiziert. Auch hier war ein Scania-Lkw mit einem von Siemens entwickelten Oberleitungssystem im realen Verkehr unterwegs. Derzeit testet Schweden mit der „E-Road Arlanda“ ein weiteres System für E-Fahrzeuge. Etwas außerhalb von der schwedischen Stadt Stockholm beispielsweise lädt ein vollelektrischer Lkw während der Fahrt über ein in der Straße eingelassenes Schienensystem Strom. Die Fahrzeuge müssen Ladeelektronik samt Batterie und Ausleger, der nach unten ausfährt, an Bord haben.

Im Gegensatz zu den Oberleitungen ist das Schienensystem für jede Art von Elektrofahrzeug geeignet und lässt sich nach Aussagen von E-Road Arlanda vergleichsweise schnell in die bestehende Infrastruktur einbauen. Weiteres Plus: Die Schienen sind in der Fahrbahn eingelassen und kaum zu sehen. Die Investition in das E-Road Arlanda-Projekt steht im Einklang mit dem Ziel der schwedischen Regierung, bis 2030 eine fossilfreie Verkehrsinfrastruktur zu schaffen. Verläuft der Test erfolgreich, wollen die Schweden 20.000 Kilometer Autobahnstrecke mit ihren Stromschienen ausstatten.

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